Dokumentation einer Restauierung

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1. Identifizierung zur Dokumentation

Titel:
Lobwasser, Ambrosius: Biblien / Darinnen die Summarien aller Capittel der gantzen heiligen Schrift mit sonderlichem fleis in deutsche Reim verfasset.

Drucker:
Hans Steinmann für Hennig Grosen, Buchhändler 1584, Leipzig

Deckelmaße:
Ca. 105 x 172 mm, Stärke: ca. 90 mm

Einbandart:
1/1 Holzdeckelband im Reformationsstil (Schweinslederbezug mit Blindprägung), originaler Einband, keine Angaben, über Buchbinder vorhanden.

Besitzvermerke/Signaturen:
Auf dem vorderen Spiegel, Stempel eines ehemaligen Eigentümers H. Schweling (oder H. Gweling), Düsseldorf

Kurzbefund:
1/1 Holzdeckelband mit mikroorganismengeschädigter, vergilbter Papiersubstanz. Einband "sperrt" infolge eines zu schmalen Rückenleders. Einbandleder mit mehreren Fehlstellen. Fehlendes Schließenpaar.

2. Istzustand – Analyse Teil I

Buchblock:
Material: Papier
Außenmaße: ca. 155 x 100 mm
Kollation: 4er Lagen
Papierdicke. 0,12 bis 0,17mm
Papierfarbe: z.T. stark vergilbt, fleckig, hell – bis mittelbraun
Papierleimung: tierischer Leim
Wasserzeichen: ohne Wasserzeichen

Druck: Buchdruck
Druckfarbe: schwarz
Illustrationstechnik: Holzschnitt, nicht coloriert Einzelne Holzschnitte bemalt. Einzelne Seiten mit handschriftlichen Vermerken, Eisen-Gallus-Tinte

Vorsatzkonstruktion:
Ursprüngliche Konstruktion mit Spiegeln und fliegenden Blättern. Vorne und hinten vorgeklebtes, mitheftetes Doppelblatt, das "angepappt" wurde.

Skizze Profilierung

Vorderes fliegendes Blatt fehlt
Vorhandenes Vorsatzmaterial ist original.
Vorsatzkonstruktion ohne Papierflügel

Heftung:
Heftung auf 3 doppelte, gewickelte Hanfbünde

Originalheftung, keine weiteren Heftlöcher im Papierfalz vorhanden
Durchausheftung mit Fitzbünden
Heftfaden aus Leinen, mittlere Stärke, (ca. vergleichbar mit heute üblichem 30er-Buchbinder-Leinerzwirn), S-Drehung, Stärke ca. 0,4mm

Kapitale:
Kopf- und Fußkapitale gleich
Durch Streifen gestochen, aufgeklebt mit Einlage (Leder), auf Pergamentstreifen (Manuskript) gestochen. Streifen innen über das Gelenk und außen an den Deckeln aufgeheftet.
Kapitalart: "Deutsches Kapital"
Material: Leinen
Farben: Blau/weiß, 2-fädig
Fadendicke: mittel

Rückenbearbeitung:
Buchblock mit mittlerer Rundung, abgepreßt mit geringer Steigung.
Abgeleimt mit tierischem Leim
Hinterklebematerial :2 Pergamentstreifen mit Flügel, innen auf die Deckel
aufgeklebt, unter Spiegel, eine Pergamenthinterklebung unbeschriftet, eine beschriftet

Schnittbearbeitung:
Dreiseitig beschnitten nach dem Heften,
Dreiseitiger Farbschnitt, Farbe: rot, nach dem Deckelansetzen gefärbt: Farbspuren auf den Holzdeckeln unter den Ledereinschlägen.

Deckel:
Deckelmaße: 105 x 172 mm
Originale Vorder- und Hinterdeckel aus Buchenholz.
Profilierte Holzdeckel

Kantenformen:
(alle Ansichten wurden vom Rückendeckel abgenommen)
Ansicht der Oberkante:

Skizze Ansicht Oberkante
Skizze Ansicht Vorderkante
Skizze Ansicht Vorderkante
2. Istzustand – Analyse Teil II

Deckelfläche

Skizze Deckelfläche aussen
Skizze Deckelfläche aussen
Skizze Deckelfläche innen
Skizze Deckelfläche innen

Verbindung Buchblock – Deckel:
Bünde von außen nach innen und wieder nach außen durchgezogen, innen verklebt und verpflockt.
Lochdurchmesser ca. 5mm

Bezugsmaterial des Einbandes:
eine Materialart, Bezugsmaterial: Alaungegerbtes Schweinsleder Schweinsleder: Bezug über Anton Glaser, Stuttgart
Farbe: gelblich
Struktur: feinstrukturiert
Oberfläche: leicht glänzend

Einbandtechnik:
Einbandleder ohne Materialvorbereitung- ungeschärft
Rückeneinschlagbearbeitung niedriger als Deckelhöhe, eingeschlagen ohne Eckenform.
Auf den Deckeln und über den Rücken ganzflächig aufgeklebt, Spuren von Kleister vorhanden, abgebunden über und unter den Kapitalen.

Einschläge:
Ausgleichend beschnitten, Ecken auf Gehrung geschnitten

Dekoration:
"Reformationsstil"
Blinddruck mit Mittelplatte, seitlicher Rollen- und Linienverzierung.
Zwei verschiedene Platten auf Vorder- und Rückendeckel. Mittelplatte des Vorderdeckels mit folgender Abbildung:

Mittelplatte des Vorderdeckels mit folgender Abbildung:
In der Bildmitte ist Christus am Kreuz dargestellt, darunter befindet sich ein Totenkopf (Schädel Adams). Rechts vom Kreuz befindet sich eine Darstellung der Israeliten, links ist Abrahams Opfer dargestellt.

Darunter folgende Inschrift:
ECCE*AGNUS*DEI*QVI*TOL LIT*PECCATA*MVNTI
(Seht, das Lamm Gottes, das hinweg nimmt die Sünden der Welt)

Mittelplatte des Rückendeckels mit folgender Abbildung:
Darstellung des auferstandenen Christus in einer Landschaft. Darunter der Teufel. 

Inschrift zum Teil nicht mehr lesbar, aber wohl so zu verstehen (ergänzte Teile in Klammern): M(ORS*VBI*EST*TVVS*STIMV)LUS VBI*VICTORIA*TVA*INFERN(VS) 
(Tod, wo ist dein Stachel? Hölle, wo ist dein Sieg?). Da es sich hierbei um eine von Luther verändert gedeutete Bibelstelle handelt, liegt der Schluß nahe, daß die Mittelplatte im protestantischen Raum entstanden ist.

Weitere Linienverzierungen auf den Innenkanten.

Schließen:
Jeweils ein haltender und greifender Teil erhalten.Befestigungsplättchen des Riemens des zweiten, unteren Schließenpaares mit einem Nagel erhalten.
Schließenmaterial: Messing
Schließenriemen: geklebt, 2-teilig ohne Einlage.

3. Schadensanalyse / Zustandsbeschreibung:

Papier:

  • Farbe vergilbt/hellbraun, wirkt leicht lappig
  • pH-Wert Messung mit Merck-pH-Indikatorplättchen durchgeführt: S. 37 Ergebnis: 4,5; S. 304 Ergebnis: 4,0
  • Ganzflächige Blätter, unterschiedliche Vergilbungsstufen im Band.
  • Schwarze Schimmelflecken auf folgenden Blättern: (lassen auf Aspergillus Niger schließen) ... beginnend ab Seite 173 bis zum Ende des 1. Teils, im 3. Teil komplett.
  • Papier jedoch nicht stark angegriffen, Wasserflecken im vorderen und hinteren Buchblockbereich einzelne Blätter mit leichten Griffspuren, vor allem im unteren Eckbereich Rostflecken von Blatt 255/256 bis 267/268, insgesamt auffällig viele Rostflecken.
  • Weitere braune Verfärbungen im Bereich von Blatt 439/440 bis 503/504 I. Teil sowie bei weiteren einzelnen Blättern Fraßspuren z.B. Blatt 75/76 bis 79/80 im unteren Bundstegbereich und/oder Fußstegbereich von Blatt 133/134 bis ca. Blatt 527/528 I. Teil.
  • Eselsohren durchgängig, sowie fast alle Ecken berieben und abgerundet.
  • Einrisse bei ca. 80% der Blätter, besonders im Vorderschnittbereich Fehlstellen mit einzelnen Ausrissen: Beginn des 2. Teils, Titelblatt und folgende Blätter ausgerissen, Fragmente in Falz.
  • Am Vorderschnitt, ca. bis Lage 15 Beschädigung durch verkürzten greifenden Teil der Schließe.
  • Reiter/Blattweiser Spuren zwischen Teil I und II, auf Leerblatt hinter Druckermarke des 1. Teils, Fehlstelle des vermutlichen 2. Reiters/Blattweisers ebenso zwischen Teil II und III.
  • Oberflächenleimung des Papiers wirkt abgebaut.


Vorsätze:
Spiegel vorne und hinten, sowie fliegendes Blatt hinten vorhanden, hinterer Spiegel liegt lose im Band. Fliegendes Blatter und hinterer Spiegel mit starken Verfärbungen durch Mikroorganismenbefall.

Heftung:
intakt, einzelne Lagen gesprungen und mit partieller Gegenrundung.
Heftfaden-Zustand gut, Bünde in gutem Zustand, Material fest.

Kapitale:
Kapitale verschmutzt und oberes Kapital in gutem Zustand. Unteres Kapital an beiden Enden sowie an einer weiteren Stelle aufgefasert, vom Buchblock losgelöst sowie unteres Kapital am hinteren Deckel nicht mehr verklebt. Pergamentstreifen zur Verbindung mit dem hinteren Holzdeckel gerissen. Fadenzustand ist gut.

Rücken:
Leichte Rückenrundung vorhanden, nach der 7. vorderen Lage Rundung und weitere Stelle ca. in Mitte des Bundes kollabiert (partielle Gegenrundung) durch Rückenspannung infolge geschrumpften Rückenbezugs in Verbindung mit Verschmutzungen im Bundsteg.

 

Hinterklebematerial:
Beide Pergament-Hinterklebungen partiell oder ganz vom Rücken abgelöst.
Untere Hinterklebung in vorderen Falz gerissen.
Klebstoffreste des Hinterklebeleims noch z.T. erhalten.

Schnitt:
Im Bereich der partiellen Gegenrundung vorspringend.
Vorderschnitt unregelmäßig.
Farbe am Vorderschnitt überwiegend abgerieben, ebenso am Fußschnitt.
Schnittbeschädigung durch greifenden Schließenteil wie beschrieben.

Verbindung Buchblock – Deckel:
Vollständig intakt, starke Spannungen im Falzbereich, Deckel stehen dadurch hoch.

Einband:
Deckel: in gutem Zustand, Rückendeckel wurde bereits bei der Herstellung des Einbandes repariert: beidseitige Kaschierung mit Pergament und darüber dünnes Papier gegen den Deckelbruch. Diese Reparatur wurde nach dem Verpflocken angebracht, da das Pergament die Pflöcke z.T. überklebt.
Fehlstellen/Beschädigung an allen Ecken, Ecken der Holzdeckel leicht berieben.

Bezug:
Fehlstellen/Risse an allen Ecken, sowie an jeweils beiden oberen und unteren Gelenken.
Farbe hellgelb bis mittelbraun mit partiellem Abrieb, vor allem auf dem Rückendeckel sowie auf den Bünden. Farbe läßt auf Wasserschaden / zeitweiser hohe Feuchtigkeit des Einbandleders schließen: Rücken ist dadurch geschrumpft.

Schließen:
Oberer Riemen geschrumpft/zu kurz
Unteres Schließenband abgerissen. Dieses Schließenpaar fehlt (davon nur noch ein Nagel erhalten).
Vorhandenes Schließenteil in gutem Zustand.

Dekoration:
Blindprägung des Einbandes noch gut erhalten, durch Verschmutzung des Leders beutlich sichtbar.
Am Rückendeckel ist das Einbandleder stellenweise berieben. Unter dem Einbandleder des Rückendeckels befindet sich zur Verstärkung des Deckels gegen eine Bruchstelle eine Kaschierung. An dieser Stelle ist das Einbandleder durch das Auftragen dieser Kaschierung stärker berieben.

4. Restaurierungsprotokoll:

Papierbearbeitung:

  • Wasserbehandlung: Zur Wasserbehandlung wurde das Papier in Leitungswasser mit Wasserhärte 17.5 zwei Stunden bei mehrmals gewechseltem Wasser eingelegt. Nach dem anschließenden Trocknen erfolgte ein einstündiges Entsäuern in angereichertem Wasser. Die Wasseranreicherung erfolgte mittels eines Umwälzsystems unter Zugabe von Kohlendioxid. Als Füllung der Ionentauscherpatronen wurde (Hydrolyth-Ca und Magno-Dol-) Dolomitgestein verwendet (Magnesium-Anteil bei ca. 90%).

    Die mit handschriftlichen Vermerken versehenen Seiten wurden nur ca. 30 Minuten unter ständiger Beobachtung und vorausgegangenem Test gewässert und nach dem Trocknen nur ca. 10 Minuten im angereicherten Wasser entsäuert. Nach einigen Tagen wurde ein pH-Wert von 7,5 gemessen (2 versch. Stellen im Buchblock).

Faservorbereitung:


Skizze:
Die gleiche Konstruktion wurde für den hinteren Falz gewählt.


Einbandarbeiten:
Leicht zu lösende Verunreinigungen des Einbandleders wurden durch Abreiben mit 70%igem Ethanol beseitigt. Der Spiegel des Rückendeckels wurde feucht abgelöst. Um den vorderen Spiegel ablösen zu können, wurde der darauf enthaltene Stempel mit Gelatine Technische Gelatine: Bloomwert 170.000, Bezogen von: Ed. Geistlich AG, CH-Wolhusen fixiert.

Nach Fertigstellung des Buchblockes zeigte sich, daß eine Bearbeitung ohne Auftrennen mindestens eines Falzes nicht möglich war. Durch den Feuchtigkeitsschaden des Einbandleders war der Lederrücken zu sehr geschrumpft; der Buchrücken war für den Einband zu breit, obwohl durch die Papierbearbeitung und das heften kein breiterer Rücken als ursprünglich entstanden war.

Ein Unterlassen der Gelenktrennung hätte den Einband schon nach kürzester Zeit im Gelenk gesprengt.
Da jedoch nur wenige mm Platz erforderlich waren um eine praktische Funktion zu gewährleisten, wurde der Entschluß gefaßt, nur den hinteren Falz zu öffnen. Originalsubstanz des Einbandes sollte durch den Entschluß, nur einen Falz zu öffnen, erhalten werden.

Beim Deckelansetzen wurde die originale Technik rekonstruiert, die alten Holzpflöcke wurden wiederverwendet. Vorheriges Fixieren der Bünde erfolgte mit Gelatine Technische Gelatine: Bloomwert 170.000, Bezogen von: Ed. Geistlich AG, CH-Wolhusen. Die Holzdeckel wurden 2-3 mm abgesetzt, um bei einem erneutem Schrumpfen des Einbandleders keine Spannung zu erzeugen.

Die Fehlstellenergänzung durch Unterlegen mit neuem, farblich (Lederfarbe Lederfarbe: Irgaderm-Metallkomplex-Lederfarben, Hersteller: Ciba-Geigy) angepassten Schweinsleder Schweinsleder: Bezug über Anton Glaser, Stuttgart wurde an folgenden Stellen durchgeführt:

Alle Eckbereiche, oberer und unterer vorderer Gelenkbereich, sowie hinteres Gelenk.
Die Ergänzung erfolgte mittels Schleiftechnik (Ausschleifen des alten Leders und passendes Schärfen und Schleifen des neuen Leders; Schleifen mittels eines rotierenden Schleifkörpers). Die leicht beriebenen Ecken der Holzdeckel wurden belassen. Die Eckeinschläge mußten dadurch in leichter Überlapptechnik und nicht wie original auf Gehrung gearbeitet werden.

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